“Fesselne Geschichten” – Buchbesprechung: Die Wiederentdeckung der Bernsteinstraße

Von Wolfgang Galler

Wer geht schon über 4.000 km freiwillig ohne Aussicht auf Gewinn? Oder besser, ohne einen Gewinn, wie er vom alles beherrschenden wirtschaftlichen Standpunkt aus als sinnvoll erachtet wird? Markus Zohner, Bernsteinstaßenreisender und Autor des Buches darüber, ging es hier aber um eine ganz andere Form von Gewinn, dem oft kaum Beachtung geschenkt wird: einen Gewinn an Erfahrung über das Reisen und damit sich selbst. Eines Reisens, abseits der durch Massentourismus vorgegebenen Bahnen, ohne Flugzeug, Auto, Bahn oder Bus, eines Reisens, das der Mensch noch spürt – mit Körper wie auch Geist wahrnimmt.

An einigen Stellen wird das Buch folglich fast zu einer philosophischen Abhandlung über den Sinn dieser Reise an sich, weit über das bloße Erreichen eines selbst gesteckten geographischen Ziels hinaus. Schon allein dieser Tiefgang hebt es ab von den, in letzter Zeit mit sehr regelmäßiger Häufigkeit erscheinenden Berichten diverser Prominenter, die neuerdings mit Vorliebe etwa den Jakobsweg monatlich für sich neu entdecken und versuchen, dies in möglichst massentauglicher Form schriftlich wiederzugeben. Im vorliegenden Werk hingegen merkt man, dass der Autor als Theaterregisseur, Schauspieler und „Poet“ einen ganz anderen Zugang zur Sprache besitzt.

So ist es auch ein Buch, das Geschichten erzählen will. Geschichten über die Landschaften entlang der Bernsteinstraße, die von einem großen Wissen über die Historie dieser zeugen, das aber trotzdem behutsam vermittelt wird. Vom großen kulturellen Reichtum wird hier berichtet, von den völlig überwältigenden Eindrücken etwa, die eine Mitternachtsmette in der Basilika von Aquileia mit ihren gigantischen spätantiken Mosaiken hinterlassen kann. In den Beschreibungen von Markus Zohner reihen sich die Städte und Dörfer, die ihn sein Weg von Venedig nach St. Petersburg führte, wie Perlen an einer Kette manchmal mehr, meist aber eher weniger bekannter  kultureller Kleinode aneinander, die den Leser des Buches förmlich dazu auffordern, diese für sich selbst zu entdecken.

Vor allem sind es aber die Erzählungen über die Begegnungen mit den Menschen entlang dieser Straße, die ja eigentlich, einmal abgesehen von der historischen Trasse der Bernsteinstraße zwischen Aquileia und Carnuntum, keinen genau festgelegten Verlauf besaß, die einen an die Lektüre fesseln und die Reise so lebendig vor Augen erscheinen lassen. Gleich zu Beginn etwa die Begegnung mit dem ewigen Pilger Daniel aus Wisconsin, der seit 1986 unterwegs ist und dessen großer Traum es ist, endlich sein Visum zu erhalten, um nach Jerusalem gehen zu dürfen. In Tschechien reflektiert der Autor über die Welt seiner Großeltern und lernt den prominenten Weltreisenden Miroslav Zikmund (Jahrgang 1919) kennen, den selbst Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltall, ob seiner Erlebnisse beneidet hatte, hatte er doch dort oben niemanden getroffen.

Es gab aber nicht nur menschliche Begleiter auf der Reise, wie eine amüsante Begegnung in Polen vor Augen führt. Ein etwas älterer, riesiger Hund hatte hier den Autor adoptiert und nur sehr wehmütig gelang nach Kilometern des gemeinsamen Wanderns der Abschied. Nach 280 Tagen und 4065,5 Kilometern durch 12 Länder endete schließlich die Wiederentdeckung der Bernsteinstraße in St. Petersburg, des aufgrund des Bernsteinzimmers gewählten Zieles; „[…] und plötzlich ist man da. Geht an einem Schild vorbei in eine Stadt und kann überhaupt nicht begreifen, was das alles zu bedeuten hat.“

Markus Zohner, Der Weg ist der Sinn. Die Wiederentdeckung der Bernsteinstraße. Zu Fuss von Venedig nach Sankt Petersburg. Eine 4.000 km lange Wanderung durch zwölf Länder im Herzen Europas.